Mittwoch, 23. November 2011

Novembergedanken

November- nebelgrau, trist, kein Licht, keine Farben. Oft kommt der November so daher und hat Melancholie und vielleicht auch Traurigkeit und Trauer dabei. Die Traurigkeit zuzulassen fällt uns oftmals schwer. Wir wollen stark sein, unseren" Mann" stehen...


Vor einigen Tagen unterhielten wir uns im Kindergottesdienstteam über eine Geschichte über die Traurigkeit. Heute habe ich sie gefunden und bin zutiefst bewegt von diesen Worten:

Märchen von der traurigen Traurigkeit


Es war einmal eine kleine Frau, die einen staubigen Feldweg entlanglief. Sie war offenbar schon sehr alt, doch ihr Gang war leicht und ihr Lächeln hatte den frischen Glanz eines unbekümmerten Mädchens.
Bei einer zusammengekauerten Gestalt, die am Wegesrand saß, blieb sie stehen und sah hinunter.
Das Wesen, das da im Staub des Weges saß, schien fast körperlos. Es erinnerte an eine graue Decke mit menschlichen Konturen.
Die kleine Frau beugte sich zu der Gestalt hinunter und fragte: "Wer bist du?"
Zwei fast leblose Augen blickten müde auf. "Ich? Ich bin die Traurigkeit", flüsterte die Stimme stockend und so leise, dass sie kaum zu hören war.
"Ach die Traurigkeit!" rief die kleine Frau erfreut aus, als würde sie eine alte Bekannte begrüßen.
"Du kennst mich?" fragte die Traurigkeit misstrauisch.
"Natürlich kenne ich dich! Immer wieder einmal hast du mich ein Stück des Weges begleitet."
"Ja aber...", argwöhnte die Traurigkeit, "warum flüchtest du dann nicht vor mir? Hast du denn keine Angst?"

"Warum sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du weißt doch selbst nur zu gut, dass du jeden Flüchtigen einholst. Aber, was ich dich fragen will: Warum siehst du so mutlos aus?"

"Ich..., ich bin traurig", sagte die graue Gestalt.

Die kleine, alte Frau setzte sich zu ihr. "Traurig bist du also", sagte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf. "Erzähl mir doch, was dich so bedrückt."
Die Traurigkeit seufzte tief.
"Ach, weißt du", begann sie zögernd und auch verwundert darüber, dass ihr tatsächlich jemand zuhören wollte, "es ist so, dass mich einfach niemand mag. Es ist nun mal meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen und für eine gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen. Aber wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zurück. Sie fürchten sich vor mir und meiden mich wie die Pest."
Die Traurigkeit schluckte schwer.
"Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie mich bannen wollen. Sie sagen: 'Papperlapapp, das Leben ist heiter.' und ihr falsches Lachen führt zu Magenkrämpfen und Atemnot. Sie sagen: 'Gelobt sei, was hart macht.' und dann bekommen sie Herzschmerzen. Sie sagen: 'Man muss sich nur zusammenreißen.' und sie spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken. Sie sagen: 'Nur Schwächlinge weinen.' und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe. Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht fühlen müssen."

"Oh ja", bestätigte die alte Frau, "solche Menschen sind mir auch schon oft begegnet..."

Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen.
"Und dabei will ich den Menschen doch nur helfen. Wenn ich ganz nah bei ihnen bin, können sie sich selbst begegnen. Ich helfe ihnen, ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu pflegen. Wer traurig ist hat eine besonders dünne Haut. Manches Leid bricht wieder auf wie eine schlecht verheilte Wunde und das tut sehr weh. Aber nur, wer die Trauer zulässt und all die ungeweinten Tränen weint, kann seine Wunden wirklich heilen. Doch die Menschen wollen gar nicht, dass ich ihnen dabei helfe. Stattdessen schminken sie sich ein grelles Lachen über ihre Narben. Oder sie legen sich einen dicken Panzer aus Bitterkeit zu."
Die Traurigkeit schwieg. Ihr Weinen war erst schwach, dann stärker und schließlich ganz verzweifelt. Die kleine, alte Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tröstend in ihre Arme. Wie weich und sanft sie sich anfühlt, dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel.

"Weine nur, Traurigkeit", flüsterte sie liebevoll, "ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst von nun an nicht mehr alleine wandern. Ich werde dich begleiten, damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr Macht gewinnt."

Die Traurigkeit hörte auf zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete erstaunt ihre neue Gefährtin: "Aber..., aber – wer bist du eigentlich?"

"Ich?" sagte die kleine, alte Frau schmunzelnd. "Ich bin die Hoffnung."

Von Inge Wuthe


Ich empfand den November in diesem Jahr gar nicht so grau. Lag es an den Sonnenstrahlen und Farben, die ich im Oktober gesammelt habe? Lag es an den vielen lichtbringenden Gesprächen? Ich weiß es nicht, aber ich werde das Licht mitnehmen in den Advent.


Und wenn das Herz doch schwer wird in der Traurigkeit, ist es dann nicht schön zu wissen, dass die Hoffung schon mitschwingt?

Kommentare:

  1. Vielen Dank Katrin für diese zauberhafte nette Geschichte! Und ich finde auch - wir hatten einen tollen Herbst! Und wenn die Tage nicht manchmal grau wären, wüsten wir die Sonne doch nicht mehr zu schätzen! Sei herzlich gegrüßt, Tina

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  2. Die Geschichte ist wunderbar, vielen Dank.
    Als Melancholie verkleidet kann die Traurigkeit auch richtig salonfähig sein....
    Auch ein Buch mit der ein oder anderen Träne ist doch zugegebenermaßen viel berührender. Oder Weinen im Kino!
    Große Gefühle gibt es eben in viele Richtungen, und sich drauf einlassen ist eben das Leben. Mit allen Höhen und Tiefen.
    Ich wünsch dir noch viele sonnige Herbsttage-
    mit allem drum und dran :)

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  3. Eine sehr, sehr schöne Geschichte!! Danke dir von Herzen dafür!!Wenn du erlaubst, nehme ich sie mit...

    herzlichst Ellen

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  4. Danke für dieses schöne Novembermärchen. Es passt wohl immer, aber in dieser Jahreszeit wirkt sie besonders - wenn es draußen ruhiger wird, früher dunkel und Zeit zum Nachdenken und Nachwirken lassen ist.

    Danke dir!

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danke für deine lieben Worte